„Individuelle Ernährungstherapie ist ratsam“

„Individuelle Ernährungstherapie ist ratsam“

Interview mit Jocelyne Reich-Soufflet, Ernährungsberaterin und -psychologin mit langjähriger Erfahrung
 
Experten gehen davon aus, dass 30 Prozent der Bevölkerung eine Fruktosemalabsorption haben.
 
30 Prozent ist sicher deutlich übertrieben. Zunächst ist es ohnehin wichtig zwischen den unterschiedlichen Formen des Fruktosestoffwechsels zu unterscheiden. Drei Erkrankungen sind bekannt. Die Fruktosurie, die zufällig diagnostiziert wird, die heriditäre (also erblich bedingte) Fruktoseintoleranz (HFI) und der Fruktose-1,6-Diphosphatasemangel (ein Defekt der Glykoneogenese), eine klinisch mildere Verlaufsform der HFI.

Dazu käme die Fruktoseintoleranz, die als Fruktosemalabsorption bekannt ist. Diese häufige Form der Fruktoseintoleranz ist nicht mit der seltenen HFI zu verwechseln. Betroffene zeigen nach einer Aufnahme von Zucker, einschließlich Fruchtzucker, Rezorptionsstörungen, die wiederum unterschiedliche Symptome verursachen können.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung, dass mehr Erwachsene betroffen sind?
 
Die Aufnahme von Zucker in Form von Saccharose und Fructose ist heute über die qualitative Auswahl der Lebensmittel höher. Das gilt auch für die Aufnahme von Getränken und Snacks mit einem höheren Zuckerrestgehalt. Daher muss unser Körper mit größeren Mengen Fruktose und Saccharose zurechtkommen. Dazu kommt der erhöhte Konsum von Diätprodukten, die mit Zuckeraustauschstoffen gesüßt sind. Die Belastungssymptome können durch Stress verstärkt werden und treten häufiger im Erwachsenen Alter auf.
 
Was sind die Hauptsymptome einer Fruktosemalabsorption?

 
Eine Fruktosemalabsorption kann sehr individuelle Begleitsymptome haben, wie z. B. Blähungen und Völlegefühl, Flatulenzen, Müdigkeit und Hypoglykämie. Die physiologischen Unannehmlichkeiten sind oft an „Diätfehler“ gebunden, die sich wiederum nicht immer vermeiden lassen.
 
Sind mehr Frauen als Männer betroffen?
 
Ich beobachte in meiner Praxis, dass Frauen aufgrund ihrer höheren Sensibilität gegenüber Veränderungen ihres Körperschemas, z. B. aufgrund eines aufgeblähten Bauchs, eher einen Ernährungstherapeuten aufsuchen.
 
Was bedeutet die Diagnose für Betroffene?

 
Diätetische Maßnahmen, die eine Langzeitsituation entscheidend verbessern können und gravierende Begleitsymptome oder subjektive Beschwerden wesentlich zu lindern vermögen, sind indiziert und können dennoch eine Resistenz auslösen, weil sie für jede Umstellung eine Bereitschaft des Betroffenen brauchen.
Eine gezielte Reduktion der Fruktose-/Saccharose-Aufnahme führt zu einem Rückgang der Symptome. Die Reduktion ist individuell einzustellen.

Diätetische Maßnahmen müssen deshalb mit dem Ernährungstherapeuten so angepasst werden, dass sie dem individuellen Lebensstil entsprechen. Bei gleichzeitigem Vorliegen mehrerer diätetisch behandlungsbedürftiger Störungen muss die Kostgestaltung unbedingt an die Besonderheiten des Einzelfalls angepasst werden. Die Nachhaltigkeit der Maßnahmen ist sehr eng an eine weitestmögliche Berücksichtigung individueller Wünsche gebunden. Das lässt sich nicht über ein Ratgeberbuch lösen!
 
Ist Fruktosemalabsorption heilbar?
 
Fruktosemalabsorption kann sowohl vorübergehend als auch ein Leben lang bestehen. Das hängt auch damit zusammen, dass sie bei jedem Betroffenen etwas anders ausgeprägt sein kann. Auffällige Ernährungsfehler können eine Nahrungsmittelintoleranz verstärken. Die Effektivität von diätetischen Maßnahmen hängt auch von der Qualität der Ernährungsberatung ab. Es ist nicht notwendig einen diätetischen Perfektionismus zu betreiben. Aber eine sorgfältige Anpassung der Ernährung mit einer qualifizierten Ernährungsfachkraft ist ratsam und sorgt für eine bedarfsgerechte Versorgung sowohl mit Energie als auch mit essentiellen Nährstoffen. Diese Begleitung ermöglicht eine nutritive Vollwertigkeit.
 
Wie finde ich einen guten Ernährungsberater, der sich mit Fruktosemalabsorption auskennt?
 
Zunächst benötigen Sie eine ärztliche Überweisung und können über die Krankenkasse qualifizierte Berater erfragen.
 
Wie läuft eine solche Ernährungstherapie ab?
 
Für eine gute Behandlung brauchen wir zunächst eine gesicherte ärztliche Diagnose über einen H2-Atemtest. Dann muss der Ernährungstherapeut wissen, wie der Patient sich bisher ernährt hat. Hierfür wird er eine Ernährungsanamnese durchführen, die ihm ermöglichen wird, bisherige ungünstige Ernährungsgewohnheiten aufzudecken. Die Auswertung bietet einen realistischen Ansatz für eine indizierte diätetische Korrektur.
 

Jocelyne Reich-Soufflet
Praxis für Ernährungsberatung
Koselstraße 5
60318 Frankfurt